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I: Das Erscheinen und die ersten Jahre im Südosten von Lurruken
Sie kamen die Straße von Geistig her entlang und sollten das Geschick der gesamten Welt ändern. Doch sie kamen nicht aus Geistig, niemand hatte sie je dort erblickt. Die Straße führte nach Arasanh, dem Gebiet colitischer Siedler und Kaltstämme und lag im südöstlichsten Teil von Lurruken, wo der Glaube an die Macht seines Herrschers Tamirús im Reich am schwächsten war. Gleichzeitig aber dieses Reich das am weitesten entwickelte in der bekannten Welt darstellte. Woher sie kamen vermochte niemand zu sagen; es schien fast, als seien sie eines Tages einfach auf der Straße nach Arasanh erschienen. Der Wald von Stirmen und die Silbernen Bäume lagen unweit des Weges und möglicherweise kamen sie von diesem geheimnisvollen Ort, hatte doch noch nie ein menschliches Auge das Innere Stirmens erblickt und davon berichten können. Verfechter anderer Vermutungen halten jedoch stets dagegen, dass ihre Sprache dem Luvaunischen ähnelte und man annahm, dass in Stirmen anderes gesprochen wurde.
Es begann an einem sonnigen Tag im Frühjahr des Jahres 1980. Gaunus und seine Leute saßen am Fuße eines kleinen Hügels am Straßenrand irgendwo in den Darsis-Ufern nahe Stirmen, sich kurz von der anstrengenden Reise erholend. Wie später berichtet wurde, soll es sich zu dieser Zeit begeben haben, dass die Tiere des umgebenden Waldes plötzlich verstummten, als hielten alle gespannt den Atem an.
„Hört ihr das?”
Gaunus drehte beunruhigt den Kopf und spähte die Straße entlang. Die anderen sahen ihn merkwürdig an.
„Nein, ich hör’ nichts”, meinte einer der Männer.
„Genau das meine ich ja!” bestätigte Gaunus, „Was ist mit den Tieren?”
Nun verstanden sie und sahen ihn ebenso verwirrt an. Gemeinsam blickten sie zur Straße, welche Richtung Geistig führte. Die Männer befanden sich an einer Stelle im Lande Lurruken, die kaum bewohnt aber stark von Tieren durchstreift war. Umso mehr machten sich die Männer nun Gedanken. Nach kurzer Zeit wurden sie sich nähender Gestalten aus Richtung Geistig gewahr.
Sie waren zu dritt: ein Mann und eine Frau von herrschaftlicher und nicht ganz menschlicher Gestalt, auch wenn nie jemand zu sagen vermochte, worin der Unterschied bestand. Beide waren sie hoch gewachsen und unmenschlich schön, doch gekleidet nur in billigstem Sackleinen. Von ihnen ging eine merkwürdige Ausstrahlung aus, welche sogar Gaunus und die Männer spürten. Als sie näher kamen, verstärkte sich dieser Eindruck noch. Hinzu kam eine seltsame Unwirklichkeit. Sie schienen keine Lebewesen dieser Welt zu sein. Ihnen zur Seite stand noch eine dritte Person, sich stets so unscheinbar gebend, dass niemand je genau sagen konnte ob Mann oder Frau. Ohne großartiges Anzeichen, dass sie die Männer bemerkt hatten, näherten sie sich. Lange braune Haare verdeckten ihre Ohren. Die Frau ließ ihren Blick über den Wald wandern, der Mann blickte Gaunus unverwandt an. Sie blieben dicht vor den Männern am Straßenrand stehen.
„Eure Welt ist dem Untergang geweiht!” begann der Mann mit fester Stimme, die trotzdem irgendwie unwirklich erschien.
Gaunus war zutiefst beeindruckt von der Ausstrahlung des Mannes.
„Wer seid ihr?” wagte er zu fragen.
„Wir sind Tól und Omé”, sprach Tól und deutete dann auf die dritte Gestalt, „und dies ist Silön.”
Dann nahm seine Stimme einen bedrängenden Unterton an als er verkündete: „Ihr werdet nur noch wenige Jahre haben, bevor ein großes Unheil kommen wird!”
„Irrsinn!” rief da einer der Männer dazwischen, doch duckte er sich ängstlich und ganz geschwind unter dem durchdringenden Blicke Tóls.
„Ruhe!” herrschte ihn Gaunus an, „Lasst ihn sprechen!”
„Wir sind gekommen euch zu warnen und euch zu helfen”, sprach Tól, „begleitet uns und wir werden euch retten.”
Mit diesen Worten drehten die Drei sich um und setzten ihren Weg die Straße entlang fort, gen Arasanh. Gaunus sah ihnen nach. Es waren nur wenige Worte gewesen, die sie gewechselt hatten, doch irgendwie war er tief erschüttert von dem Geschehenen und bereit, ihnen alles zu glauben. Nach einem kurzen Moment des Stillstandes und des Schweigens, riss er sich zusammen, schnappte sich seinen Rucksack vom Boden, schulterte ihn und eilte den Dreien hinterher. Die Hälfte seiner Männer folgte ihm später.
Tól und Omé gingen gemächlichen Schrittes, hoheitsvoll und fast als würden sie schweben. Ihre Kutten reichten bis zum Boden, so dass man ihre Füße nicht sah, was den Eindruck des Schwebens nur noch verstärkte. Silön ging hinter ihnen. Drei Tage waren sie unterwegs und lagerten stets am Wegesrand. Tól und Omé hielten immer Abstand zu den Männern, oder genauer: diese zu ihnen. Nie sah jemand die Drei schlafen, sie aßen nur wenig und auch nur von dem, was sie bei sich hatten, und nie fiel ein weiteres Wort zwischen ihnen und den Männern, doch verspürten letztere weiterhin den Wunsch und Drang ihnen zu folgen, nötigenfalls bis an das Ende der Welt und darüber hinaus.
Vorher jedoch kam Arasanh. Mitten im Wald gelegen, das Portal der Kernlande Lurrukens zu den dünner und von colitischen Einwanderern und alten Kaltstämmen bevölkerten Ländern des Ostens, zwischen den Wäldern von Stirmen und den Quellbäumen. Tól und Omé gingen direkt zum Marktplatz. Mitten am Tag standen sie dort, umringt von einer Menschenmasse, die immer größer wurde, je länger sie dort standen und dieser von dem kommenden Unheil erzählten. Sie sprachen von einem Feuer, welches die Meere würde ansteigen lassen. Ganze Länder würden in den Fluten versinken und Tausende sterben. Nun seien sie gekommen die Einwohner dieser Länder zu warnen, zu sammeln und vor den Auswirkungen des Feuers zu bewahren. Einige der Zuschauer schimpften sie Lügner und Betrüger, diese wurden aber von denjenigen, welche sich überzeugen ließen, schnell in den Hintergrund gedrängt und zum Schweigen gebracht; oder Silön unterhielt sich selbst mit ihnen.
Ein Jahr verbrachten die Drei in Arasanh. Sie wohnten bei ihren neu gewonnen Anhängern und wurden von diesen versorgt. Silön wurde nur selten in Arasanh erblickt, reiste den Großteil der Zeit durch die Ostlande im Auftrage Tól und Omés und um weitere Anhänger zu finden. Nach und nach kamen dann auch immer mehr Leute nach Arasanh um Tól und Omé zuzuhören und brachten deren Botschaft bald in andere Teile des Landes. Mit ihren Anhängern sprachen die Beiden stets deren eigene Sprachen, begannen jedoch, ihnen auch die ihre beizubringen, die dem Luvaun ja sehr ähnlich war. Im Frühjahr 1981 zogen sie weiter nach Taiban am anderen Ende der Quellbäume. Viele ihrer Anhänger versuchten ihnen zu folgen, während Silön sich im Osten herumtrieb. Entlang der Quellbäume führte sie ihr Weg, doch vor den Toren von Taiban mussten sie anhalten. Dessen Verwalter persönlich begrüßte sie von den Mauern der Stadt herab.
„Ihr also seid Tól und Omé?” fragte er mit einem herablassenden Blick, „Ich habe schon von euch und euren volksaufhetzenden Reden gehört. Andere Verwalter mögen euch dulden – ja sogar Tamirús selbst – doch bekommt ihr keinen Zutritt zu dieser Stadt, solange ich hier bin!”
So mussten Tól und Omé umkehren. Kaum besiedeltes Gebiet durchquerend gingen sie nach Osten und kamen an den Fuß eines Gebirges.
„Hier bleiben wir und bauen eine Gemeinschaft auf”, sprach Tól.
Und so ward es. Am Westende des Gebirges gründeten Tól und Omé mit ihren Anhängern eine Siedlung. Im Sommer standen die ersten Holzhütten und mit Hilfe zugereister Steinmetze und Baumeister bald auch eine Versammlungshalle am Fuße einer kleinen Hochfläche. Hirten und Weber sorgten für Wolle und einfache Kleidung, Bauern begannen Getreide anzubauen sowie Schweine und Dreuyen zu halten. Anfang Herbst stand eine Mühle und schließlich kamen sogar die ersten Händler aus den umgebenden Städten; aus Arasanh, Taiban, Maggin, Ketaine und Silaine strömten sie herbei.Gleichzeitig wurde Omé schwanger. Anfang Sommer des Jahres 1982 kam das erste Kind von Tól und Omé zur Welt.
„Ihr Name sei Lían!” sprach Tól und hob seine Tochter, eingewickelt in Leinentuch, hoch über seinen Kopf, umringt von den Dorfbewohnern, während Omé noch von der Amme der Gemeinschaft gepflegt wurde. Das Mädchen wurde schnell zum Liebling des Dorfes und alle kümmerten sich gemeinsam um sie, allen voran Gaunus. Schnell fand man so sehr Gefallen an ihr, dass es sich langsam durchsetzte auch das Dorf Lían zu nennen.
In den nächsten sechs Jahren wuchsen sowohl Dorf als auch Kind Lían. Das Dorf bekam reichlich Zustrom; es eröffneten eine Taverne und mehrere Herbergen, zwei Bäcker verarbeiteten das Mehl der Mühle weiter zu Brot, ein Metzger kümmerte sich um die Schweine der Bauern, ein Käsemacher verarbeitete die Milch der Kühe zu Käse und verschiedene Händler boten Obst, Gemüse und andere Sachen feil. Schließlich kamen sogar ein Gerber, ein Ledermacher, ein Schmied, Schuster, Fassbinder, Tischler und Holzarbeiter ins Dorf, allesamt Gläubige von Tól und Omé. Bis 1988 war die Gemeinschaft groß genug geworden, um die Aufmerksamkeit der Behörden von Lurruken zu erregen. Amtsträger aus der Hauptstadt Tamilor kamen nach Lían und nach einer Prüfung durch die Behörden wurde die Gemeinschaft als Teil von Lurruken anerkannt. Andernfalls hätte sie auch nicht weiter bestehen dürfen. Da Lían aber ein luvaunisch klingender Name war, übersetzten die Behörden ihn und trugen das Dorf unter dem Namen Lain in ihre Unterlagen ein. Im gleichen Jahr kam das zweite Kind von Tól und Omé zur Welt.
„Sein Name sei Raí!” sprach Tól und hob seinen Sohn, eingewickelt in Leinentuch, hoch über seinen Kopf, umringt von den Dorfbewohnern. Diesmal aber auf dem Marktplatz stehend, vor der neuen Markthalle. Und Raí ward ebenso großgezogen wie Lían.

